Lebensschutz 101

Mitte September findet der Marsch für das Leben in Berlin statt. In den Medien wird er oft als eine Veranstaltung konservativer, frauenfeindlicher und antiliberaler Kreise dargestellt. Das Anliegen der Veranstalter des Marschs für das Leben ist jedoch Gerechtigkeit und Wahrung der Menschenrechte für alle, die in Deutschland derzeit nicht voll gegeben sind.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Alle Menschen haben dieselbe, unverlierbare und unantastbare Würde. Dafür spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe und Geschlecht der Mensch hat, wie alt und groß er ist, an welchem Ort er sich befindet und wie selbständig oder abhängig er von anderen ist.  Auch ob andere und der Mensch selbst sich Wert beimisst, ändert nichts an dieser Würde. Sie ist nur vom biologischen Fakt, ein menschliches Lebewesen zu sein, abhängig. Ein ungeborener Mensch in der Gebärmutter hat folglich diese Würde, genauso ein todkranker oder ein in seiner Handlungsfähigkeit stark eingeschränkter Mensch.

Universale Menschrechte

Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, diese gleiche Würde in unseren Gesetzen und dem gesellschaftlichen Zusammenleben zu reflektieren. Grundforderung dieser Würde ist es, allen Menschen den gleichen, uneingeschränkten Schutz für ihr Leben zu zugestehen. Ein Schutz vor Tötung durch Fremde, den Staat, die eigene Familie und auch sich selbst.

Die Gesetzeslage in Deutschland ist in diesem Punkt mangelhaft. Sie ermöglicht die Abtreibung von mindestens 100 000 Menschen jedes Jahr. Laut der offiziellen Statistik des Statistische Bundesamt etwa 98 700 im Jahr 2016. Wobei die die Dunkelziffer, auch von Abtreibungsbefürwortern, doppelt oder dreimal so hoch geschätzt wird. Das Bundesverfassungsgericht hatte 1993 die Straffreiheit der Abtreibung in bestimmten Fällen geduldet, solange damit der Schutz des ungeborenen Lebens gefördert wird. Dieses Ziel wird bei den hohen Abtreibungszahlen eindeutig verfehl. Daher muss die Straffreiheit aufgehoben und geeignetere Mittel eingesetzt werden, etwa bessere Unterstützung von Schwangeren in Krisensituationen.

 Negative Entwicklung bei Alten und Kranken

Seit November 2015 wird auch die Beihilfe zur Selbsttötung explizit geduldet, da das Gesetz nur „geschäftsmäßige“ Sterbehilfe verbietet, andere Hilfe jedoch explizit Straffrei bleibt. Damit wird der gebotene Schutz von kranken und alten Menschen aufgeweicht. Auch die zunehmende Akzeptanz von Euthanasie und Sterbehilfe in der Gesellschaft ist im Widerspruch zur Würde des Menschen. Die Würde ist untrennbar mit der Existenz des Menschen, also seinem Leben, verknüpft, wodurch die Selbsttötung ein Angriff auf die eigene Würde ist. Dagegen braucht es eine bessere Vermittlung der Würde gerade alter und auf Hilfe angewiesener Menschen, sowie der bereits sehr guten Möglichkeiten der Palliativmedizin, Schmerzen zu lindern und ein würdiges Leben bis zum Tod zu ermöglichen.

Um auf diese Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, gehen Menschen aus verschieden Gesellschaftsschichten und Weltanschauungen beim Marsch für das Leben auf die Straße. Das ist gut so.

Philipp Müller

Wen soll ich wählen?

Im September dreht sich in Deutschland alles um die bevorstehende Bundestagswahl. Dabei steht immer die Frage im Vordergrund “Wen soll ich wählen?”

Auf diese Frage versuchen die beiden großen Parteien CDU und SPD mit ihren Spitzenkandidaten, Antworten zu geben und damit möglichst viele Wähler von sich und ihrer Partei zu überzeugen. Auch die kleineren Parteien treten gegeneinander an und versuchen, auf sich und ihre Positionen aufmerksam zu machen.

Die Kirchen in Deutschland mischen sich ebenfalls ein, zumindest, insofern sie die Gläubige dazu aufrufen, wählen zu gehen und die Demokratie des Landes dadurch mitzubestimmen. Manche Kirchenvertreter stellen sich ganz bewusst auf eine Seite oder gegen eine bestimmte Partei, so wie der Trier Bischof Ackermann, der die Partei AfD für ihre Positionen und ihr kirchenpolitisches Manifest stark kritisiert.

Auch der Kölner Erzbischof Woelki mischt sich in die politische Diskussion ein und zeigte seine Position zum Umgang mit Flüchtlingen, indem er am 3. September eine Schwimmweste anzog, um zu signalisieren: Wir sitzen alle in einem Boot. Auch wenn es uns in Europa gut geht, ist es unsere menschliche Pflicht, Menschen in Not zu helfen.

Es ist zu beobachten, dass die Definition, was christlich ist und was nicht, unterschiedlich bewertet wird. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um die AfD. Die Alternative für Deutschland will, nach eigenen Angaben, das christliche Abendland schützen und sieht sich als christlich im Sinne der Soziallehre. Doch für einige ist die AfD eher ein Verräter christlicher Werte.

Die Frage bleibt: “Wen soll ich wählen?”

Gerade die Erwartung, eine bestimmte politische Meinung haben und vertreten zu müssen, setzt einige Menschen unter Druck. Dazu gibt es noch viele unterschiedliche Positionen zu viel diskutierten Themen, auch innerhalb der Kirche und das verunsichert viele Menschen. Manche resignieren dann und manche vertreten extreme Positionen in die eine oder andere Richtung.

Es wird Zeit, die Meinungsvielfalt innerhalb der deutschen Gesellschaft, unter den Christen und auch innerhalb der Kirche anzuerkennen und wertzuschätzen. Denn es gibt keine richtige oder falsche Meinung. Es gibt nur die eigene Meinung.

Kirchenvertreter ermutigen dazu und rufen auf, zur Wahl zu gehen und eine Stimme abzugeben, weil eine Demokratie, wie sie in Deutschland etabliert ist, von der Partizipation der Bürger lebt. Doch sie sollten auch die Gläubigen dazu ermutigen sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch auszusprechen und in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Nun ist es an der Zeit, die Vielfalt innerhalb der Kirche anzuerkennen und das griechische Wort καθολικός in seiner ursprünglichen Wortbedeutung “allumfassend” auch für die politischen Meinungen der Mitglieder anerkennen und nicht katholisch als Synonym für “einheitlich” verwenden.

Egal, welche Partei Sie wählen, wichtig ist nicht, ob sie “kirchenkonform” ist, sondern lediglich dass es mit Ihrem Gewissen vereinbar ist und Sie davon überzeugt sind, dass es die richtige Wahl ist.

Vielleicht hilft zur Entscheidung in zwei Wochen auch die Frage, die auf einem Armband steht, dass manche Jugendliche tragen: “What would Jesus do?” (Auf Deutsch: “Was würde Jesus tun?”)

Katharina Penits

Politik und Religion

Die Bundestagswahl steht bevor und viele stehen vor der Frage: für wen gebe ich meine Stimme ab? Da verwundert es auch nicht, dass die Kirchen zunehmend politischen Einfluss üben. Aber darf die Kirche das oder soll sie es sogar?

Back in Time

Früher war das eigenständige Agieren der Politik losgelöst von der Kirche undenkbar. Spätestens seit der Weimarer Reichsverfassung 1919, die das Verhältnis von Staat und Kirche neu regelte, ist Deutschland ein säkularer Staat.  Bis es dazu kam, hat es einige Jahrhunderte gedauert, in denen sich Krone und Kurie, weltliche und geistliche Macht über die Herrschaft im Land uneins waren. Im Verhältnis von Kaiser und Papst ging dieser Streit noch weiter und Kriege wurden darüber geführt, wer wen ernennt und wer von beiden das letzte Wort hat.

Und heute?

Heute ist in Mitteleuropa die Abgrenzung von Kirche und Staat fest in der Verfassung verankert. Deutschland hat keine Staatskirche. Dennoch ist Gott ebenfalls in der Verfassung zu finden, die Präambel des Grundgesetzes beginnt mit: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, …“. Das Grundgesetz ist also monotheistisch geprägt. Das Verhältnis von Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften und Staat daher partnerschaftlich.

Eine gute Partnerschaft beruht auf dem Austausch von Meinungen, Normen und Werten. Jeder darf seine Positionen vertreten und man muss sich gegenseitig zuhören. Zu vernachlässigen sind die Kirchen auch nicht, durch ihre große gesellschaftliche Bedeutung erhalten sie politisches Gewicht, die Ablehnung und Zustimmung der Kirchen kann sich auch in Wahlen niederschlagen.

Der Streitpunkt

Gerade die Flüchtlingströme der letzten Jahre haben den Einsatz der Kirche wieder in den Mittelpunkt gerückt. In Deutschland unterstützen die beiden Kirchenoberen der christlichen Kirchen, Kardinal Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm, den Kurs der Kanzlerin.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu der wachsenden Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik vollführt auch Merkel den Schulterschluss mit den Kirchen “Ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: ‘Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt'”. In einem Interview der Süddeutschen Zeitung mit Marx und Bedford Strohm gingen diese wiederum auf die Kanzlerin ein -Bedford Strohm sei beeindruckt, wie die Kanzlerin versuche politische Steuerung und Humanität zu verbinden und Marx griff sogar das berühmte „Wir schaffen das“- Zitat der Kanzlerin auf, “Es wird nicht leicht, aber: Wir können das schaffen.”. Ob dieser enge Schulterschluss für beide Seiten zum Vorteil gereicht, wird sich weisen. Kritiker, wie der Autor Alexander Kissler, bezeichnen die Kirchenoberen als „Fanboys der Kanzlerin“ und sehen einen Schaden für beide Seiten.  Die Kirche verkommt zum Millieuverein, die Union wird beeinflussbar.

Der oberste Politiker

Geht es um die Einmischung in die Politik, dann lässt sich einer nicht den Mund verbieten. Papst Franziskus benimmt  sich auf der Weltbühne oft wie ein Politiker. Er hat die Annäherung zwischen den USA und Kuba moderiert. Er ruft die muslimischen Führer in der Welt auf, Terrorismus im Namen des Islam zu verurteilen. Von den Europäern fordert er eine menschliche Migrationspolitik. Trotz der weltweiten Einmischung stehen Staatsoberhäupter und Politiker bei ihm Schlange, bei den Gläubigen ist er beliebter als zu Beginn seines Pontifikats. Er gilt als Papst der Gläubigen und nicht der Kirchenoberen.

Die meisten seiner Vorgänger machten auch Politik. Ganz früher war es in der Regel christlich-beschönigte Interessenpolitik des Kirchenstaates. Oftmals skrupellos. Später mischten die Päpste gern im Wettstreit des “christlichen Abendlandes” gegen andere Mächte mit. Der polnische Papst Johannes Paul II. kämpfte gegen den Kommunismus, unterstützte die Opposition in seinem Heimatland, auch mit Geld und Druckmaschinen für Flugblätter.

Als erster Papst aus einem Drittweltland orientiert Franziskus sich  nicht an politischen Doktrinen, sein Ideal ist “eine menschliche und brüderliche Welt, in der Platz für alle ist, besonders für die Schwächsten und Verletzlichsten”. Für Franziskus sind gerade die Unterschiede zwischen den Menschen „Reichtum und Ressource“, auch kann er sich in andere hineinversetzen. Somit avanciert das Kirchenoberhaupt auch zum idealen Mediator der Weltpolitik.

So und nicht anders

Die Kirchen sind da, wenn die Politik die Bodenhaftung verliert. Sie werfen Barmherzigkeit, Fürsorge, Humanität und Nachhaltigkeit in die politische Waagschale, wenn Politiker, Gläubige und Bürger von Eigeninteresse und Hedonismus überrollt werden. Dabei hat die Kirche nicht allein die Wahrheit gepachtet, auch Kritik muss einen Platz haben. Bedingungslose Zustimmung ist dabei ebenso wenig notwendig wie Opposition. Die Kirche muss, aufgrund ihrer moralischen und ethischen Verpflichtung, ihre Positionen aufzeigen, mahnend ins politische Geschehen eingreifen, darf aber dabei nicht ihre gesellschaftliche und spirituelle Funktion vergessen. Zuviel Politik als auch zu wenig kann schädlich sein.

Als Christ allerdings sollte man auch in seiner politischen Entscheidung die urchristlichen Themen nicht außen vorlassen. Bei der Wahlentscheidung kann man sich an den Kernthemen von Papst Franziskus Flüchtlingsfrage und Humanität, Gerechtigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit orientieren.

Wenn es bei der Entscheidung noch hapert: https://www.bpb.de/politik/wahlen/wahl-o-mat/254930/bundestagswahl-2017 .

Julia Westendorff