Streit um die Wandlungsworte (11.05.2012)

Die Medien lösen das Problem nicht

Wer soll es denn nun richten? Wer erklärt die Kehrtwende von „allen“ zu den „vielen“? Wer lässt denn nun die Fragen der feiernden Katholiken an sein Ohr? Vor 4 Wochen hat Papst Benedikt einen Brief zur Neuübersetzung der Worte, die der Priester über den Kelch spricht, an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz geschrieben. Am 24. 4.  wurde der Brief über Radio Vatikan veröffentlicht. Seitdem gärt es, vor allem, aber nicht nur, unter den Priestern. Dabei ist die Sachlage eindeutig. Der Papst erhält auch Zustimmung von evangelischen Bibelwissenschaftlern. Man könnte auch von einer Öffentlichkeit, die penibel auf jedes falsche Zitat in einer Doktorarbeit mit Rücktrittsforderungen reagiert, erwarten, dass sie dem Papst Recht gibt, wenn er auf die genauere Übersetzung Wert legt. Es steht sowohl in den biblischen Texten wie im lateinischen Messbuch nicht „Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird“, sondern „für viele vergossen wird.“ Woher kommen der Ärger und das Murren?

Der Brief des Papstes wird von vielen Katholiken als ungebührlicher Eingriff Roms gesehen. Die meisten haben wohl den Vorspann des Briefes nicht so genau zur Kenntnis genommen. Der Brief ist auf ausdrücklichen Wunsch des Vorsitzenden der Bischofskonferenz geschrieben worden. Es heißt in dem Schreiben des Papstes: „Bei Ihrem Besuch am 15. März 2012 haben Sie mich wissen lassen, dass bezüglich der Übersetzung der Worte „pro multis“ in den Kanongebeten der heiligen Messe nach wie vor keine Einigkeit unter den Bischöfen des deutschen Sprachraums besteht. Es droht anscheinend die Gefahr, dass bei der bald zu erwartenden Veröffentlichung der neuen Ausgabe des „Gotteslobs“ einige Teile des deutschen Sprachraums bei der Übersetzung „für alle“ bleiben wollen, auch wenn die Deutsche Bischofskonferenz sich einig wäre, „für viele“ zu schreiben, wie es vom Heiligen Stuhl gewünscht wird.“

Wenn der Papst auf Wunsch des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz einen klärenden Brief schreibt, müsste doch erst einmal Erleichterung die Reaktion sein, dass die Deutsche Kirche einen Streitpunkt weniger hat.

Allerdings geht es um die Umsetzung einer Anweisung des Vatikans, bei Neuausgaben des Messbuchs näher am Text zu übersetzen. Die Instruktion liegt bereits 5 Jahre zurück. Auch damals gab es Diskussionen. Worin liegen sie begründet? Auf drei Punkte soll eingegangen werden.

  1. In der Übersetzung „für alle“ sahen viele eine Umsetzung der Grundlinie des Konzils, dass sich die katholische Kirche für alle öffnet.
  2. Rom selbst hatte die Übersetzung abgesegnet, die sich auch in den Messtexten für Italien, Spanien und für den englischsprachigen Raum mit gleichem Wortlaut fand.
  3. Die deutschen Bischöfe haben bisher nichts getan, um die Kirchgänger auf die Veränderung vorzubereiten.

1. Der Geist des Konzils

Zur Zeit des II. Vatikanischen Konzil befand sich die katholische Kirche in den westlichen Ländern in einer sehr komfortablen Position. Im 19. Jahrhundert war sie durch den Liberalismus und den Nationalismus bedrängt, aber zur Zeit des Konzils war sie eine anerkannte Institution. Die Bundesrepublik war seit 1803 der erste deutsche Staat, in dem sich die Katholiken gleichberechtigt fühlen konnten. Auch wenn gerade Deutschland Pius XII. kritisierte, weil er nicht entschieden genug gegen den Holocaust vorgegangen war (ganz anders als die Deutschen selbst, die, so wirkt die Kritik, alles Erdenkliche getan haben, um die Verfolgung der Juden zu verhindern), gewann die katholische Soziallehre in der Bundesrepublik prägende Kraft. Das Konzil (1962-65) wurde so aufgefasst, dass die katholische Kirche hinter den Mauern hervorgekommen war, hinter denen sie sich gegen viele Feinde verschanzt hatte und dabei steril geworden war. Eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland gab es in Holland, wo die Kirche ebenfalls auf die damals noch mehrheitlich protestantische Gesellschaft zuging. Wenn jetzt im zentralen Gebet der Messe nicht mehr nur von „Vielen“, sondern von „Allen“ gesprochen wird, dann verstand man das als eine Öffnung des Erlösungsgedankens. War die Einstellung der katholischen Kirche vorher noch so akzentuiert, dass eigentlich nur den Mitgliedern der katholischen Kirche der Himmel offen steht, die anderen jedoch nicht auf direktem Weg dorthin gelangen können, drückt für die Katholiken, die innerlich mit dem Konzil mitgegangen waren, das „Alle“ die neue Offenheit der katholischen Kirche aus. Die Botschaft ist: Die Erlösung gilt allen Menschen. Mit den Piusbrüdern wird gerade durchdekliniert, ob diese Kirchenvorstellung einen zu großen Bruch mit der Tradition darstellt. Die Veränderung in den Wandlungsworten stößt sich mit dieser emotionalen Erinnerung. Aber wenn nun der Papst in seinem Brief aufzeigt, dass mit den Vielen trotzdem „Alle“ gemeint sind und die Lehre des Konzils nicht verändert wird, dann dürfte der Widerstand doch nicht zu groß werden. Hier ergeben sich zwei weitere Probleme. Einmal empfindet man die Forderung des Vatikans als ungebührlich, zum anderen erscheint es schwierig, die Bedeutung der wortgetreueren Übersetzung zu erklären.

2. Sind die Deutschen schuld?

Die Anweisung der römischen Liturgiekongregation, bei der Neuübersetzung sich enger an den Wortlaut zu halten, kommt in Deutschland bei nicht wenigen Katholiken so an, als habe man hier seit Jahren falsch gebetet. Nun haben nicht nur die Deutschen, das lateinische multi=viele mit „alle“ übersetzt, Rom hat diese Übersetzung gebilligt. Vor allem die heute im Dienst stehenden Priester fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie haben sich doch bisher an das offizielle, von Rom ausdrücklich genehmigte Messbuch gehalten. Und sie sind nicht informiert, wie sie die Korrektur erklären sollen. Hier liegt nun nicht nur bei den Bischöfen seit 2007 der Auftrag, den Messtext zu korrigieren. Aber sie schweigen immer noch.

3. Bad request: Hilfen für Predigt und theologische Weiterbildung

Wer auf die Webseite der Deutschen Bischofskonferenz klickt, findet nur den Brief des Papstes.  Was die Deutsche Bischofskonferenz tun wird, was die Priester mit ihren Gemeinden besprechen sollen, was an katechetischen Hilfen und Predigtvorlagen u.ä. angeboten wird, sucht man vergeblich. Erstaunlich ist auch das Schweigen des Vorsitzenden der Liturgiekommission, des Kölner Kardinals Meisner. Immerhin seit 5 Jahren weiß er mit den anderen Mitgliedern der Kommission, dass eine Änderung in einem zentralen Text der Messe erklärt werden muss. Eigentlich hätte nach dem Eingang des Briefes des Papstes jeder Priester in Deutschland mit instruktiven Unterlagen versorgt werden müssen, zumal die Bitte des Vorsitzenden der Bischofskonferenz nach einem klärenden Wort des Papstes bereits Mitte März ausgesprochen wurde. Auf katholisch.de kommt bei „für viele“ oder „Wandlungsworte“ nur „bad request“. Auch der Bischöfe eigener Hausverlag, die Weltbildgruppe, bietet keine Arbeitshilfe an.

Es ergibt sich sogar eine Frage für den Zelebranten: Kann er jetzt schon die Wandlungsworte so sprechen, wie der Papst es wünscht oder ist er, was ihm das Kirchenrecht vorschreibt, an die Version gebunden, die das „für alle“ im Wortlaut vorschreibt? Nach 4 Wochen, seitdem der Brief des Papstes eingegangen ist, könnten vor allem die Priester wie aber auch die vielen Liturgieausschüsse in den Gemeinden eine Reaktion erwarten. Die liturgische Kommission scheint das Thema den Medien zu überlassen. Da ist es aber nicht gut aufgehoben.

4. Die Medien lösen das Problem nicht für die Deutsche Bischofskonferenz, sie verschärfen es eher

Wer schweigt, überlässt anderen das Wort. Offensichtlich haben die Bischöfe auch auf das Schreiben aus Rom, das das Datum vom 14.4. trägt, nicht reagiert. Oder wie soll man sich erklären, dass der Brief 10 Tage später vom Vatikan selbst veröffentlicht wurde. Die Bischöfe in Schockstarre und der Vorsitzende der Liturgiekommission sprachlos? Irgendeine Reaktion würden sich die Katholiken doch wünschen, denn die Veröffentlichung eines solchen Briefes ist ein starkes Signal. Die Medien nehmen das Signal aus Rom als Konfliktansage wahr. Das liegt einfach daran, dass die Medien mit Interesse rechnen können, wenn sie ein Thema als Konflikt stilisieren. Natürlich werden auch die Motive des Papstes kritisch unter die Lupe genommen, denn das Schweigen der Bischöfe deutet ja darauf hin, dass sie nicht einverstanden sind. Erst wenn sie zu erkennen geben, wie sie mit dem von ihnen selbst erbetenen Brief aus Rom umgehen, gerät der Papst aus dem Zentrum einer kritischen Medienbeobachtung. Auf jeden Fall kann man, wenn es um die schlechte Stimmung unter den Katholiken geht, mal wieder den Medien die Schuld zuschieben. Und natürlich sind sie der Motor der Papstkritik.   Begräbt man das Problem weiter unter Schweigen, wird es sich nur verschärfen. Deutlich ist: Die deutsche Kirche hat aus den Kommunikationsfehlern der Missbrauchsdebatte noch nicht gelernt.

Noch eine Lehre sollten sowohl die Verantwortlichen im Vatikan wie die Bischofskonferenzen ziehen: Ein Trend der Bibelauslegung sollte nicht die Übersetzung der Messtexte bestimmen. Da solche Theorien ein Verfallsdatum von etwa 30 Jahren haben, müsste man für jede Generation die Messtexte neu übersetzen. Dann hätten die Piusbrüder tatsächlich Recht: An den zentralen Texten darf nichts geändert werden, sonst wird der Ritus beliebig.

Eckhard Bieger S.J., kath.de-Redaktion

Brief des Papstes: http://www.radiovaticana.org/ted/articolo.asp?c=582515