Zu viel Arbeit?

Papst Franziskus hat in seiner Ansprache an Fronleichnam in der Kirche Maria Maggiore die Hektik der modernen Gesellschaft angeprangert. Der Pontifex mahnt an, die Häufigkeit des Gebetes nimmt, aufgrund des rastlosen Lebensstils, ab. Der Mensch driftet somit immer stärker in einen anfänglichen Burn-Out ab, bis irgendwann Depressionen dazukommen, weil ihr Gleichgewicht zwischen Freizeit und Arbeit gestört ist.

Burn-Out und Depressionen sind aufgrund des starken Einflusses an Stress keine Seltenheit mehr. Jedoch handelte es sich am Anfang des 20. Jahrhundert um eine körperliche Arbeit. Lange Arbeitstage von 10 – 12 Stunden oder Stakkato Arbeit, wie es bereits bei Kafka heißt, waren der normale Arbeitsalltag. Schwere Arbeiten wie in eine Kohlemine oder in der Industrie waren aufgrund der Industrialisierung und der fehlenden Maschinen gewöhnlich. Diese transformierte sich, aufgrund der Digitalisierung, in eine neue Form der Arbeit. Zwar wurde die Arbeit körperlich einfacher, jedoch stückelte sich die Arbeit zunehmend in kleiner Arbeitsprozesse über den Tag verteilt.

Gründe für das Ausbrennen

Die moderne Technik, wie Laptop und Handy, haben das Leben hektischer gemacht. Da durch diese Geräte die meisten Menschen zu jeder Zeit erreichbar sind, fühlt sich der Einzelne auch dazu verpflichtet, jedes Mal auf das Gerät zu reagieren. Aufgrund des wachsenden Dienstleistungssektors arbeiten immer mehr Menschen im Büro. Das ist aufgrund der Digitalisierung immer häufiger mit auf Reisen, wenn ausschließlich der Laptop, das Handy oder das Tablet genutzt wird. Häufige Anrufe vom Chef, E-Mails von der Arbeit oder gar ein Monitor Screening, wo der Chef auf den Bildschirm des Arbeitnehmers zugreifen kann, sind keine Seltenheit mehr. Insbesondere im Einzelhandel werden Mitarbeiter ständig kontrolliert. Der Verkäufer wird ständig durch seine Kasse überprüft, indem das Gerät die benötigte Zeit zum Kassieren misst. Auch die Verkaufsquoten, beispielsweise bei Apple, spielen eine wichtige Rolle und können zwischen Vertragsverlängerung und Kündigung beitragen.

Aufgrund der wachsenden Überprüfungen fühlen sich kontrollierte Arbeitnehmer dazu verpflichtet, ihre Arbeitsleistungen und das Arbeitspensum zu steigern oder zumindest konstant zu halten, egal wo sie sind, auch im Urlaub. Genau das wird ihnen zum Verhängnis. Aufgrund der steigenden Arbeitsbelastung leidet die Freizeit. Das führt zu einer Spirale und es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Freizeit und Arbeit. Das Gleichgewicht würde bei jedem Menschen zwar unterschiedlich aussehen, sollte aber keine Dominanz weder von der Arbeit, noch der Freizeit beeinhalten. Die ständige Rufbereitschaft und die Gedanken an die Arbeit lassen den Schlaf schlechter ausfallen und sobald sich der Mensch in diesem Strudel befindet, zeigt er die ersten Anzeichen des Burn-Out-Syndroms.

Der Glaube leidet unter Stress?

Selbst bei Priestern oder Pastoralmitarbeitern ist, leidet das persönliche Glaubensleben immens unter der hohen Arbeitsbelastung. Das Wochenende sollte zum Entspannen genutzt werden. Dabei unternimmt man was mit der Familie, schläft aus oder geht seinen Hobbys nach. Heute muss der moderne Büroarbeite auch am Wochenende für seine Arbeit bereit sein. Dadurch verändert sich der Rhythmus, wenn man sich im Strudel des Burn-Outs befindet: Man benötigt mehr Schlaf, welcher nicht ausreichend scheint. Arbeitsaufträge liegen brach.

Ebenso ist keine Zeit für den sonntäglichen Kirchgang vorhanden. Die langen Schlafphasen und die Antriebslosigkeit, sowie die noch immer zu erledigende Arbeit, hält einen davon ab, sich auf die Kirchenbank zu setzen. Noch schlimmer, Gebetszeiten und persönliche Andachten brechen vollends weg und der Glaube leidet darunter. Das führt dazu, dass der Mensch sich durchgehend von der Glaubenserfahrung distanziert und Gott im Alltag nicht mehr bewusst erfahren wird.

Was tun?

Wichtig ist es, sich die eigenen Grenzen zu setzen. Wann Arbeitszeit und Gebetszeiten sind, sollte klar geregelt sein. Besonders der Sonntag, sollte zu einem Ruhetag, wie er ursprünglich hieß, werden: Ein Tag an dem geruht und Gott gelobt wird, auch wenn das aktiv immer weniger gemacht wird. Kleinere Gebetszeiten über den Tag verteilt, verbunden mit dem Lesen der Heiligen Schrift, sollten dem eigenen Glaubensleben einen Schub geben.

Aber noch wichtiger, um aus dem Sog des Burn-Outs zu entkommen ist, sich Zeit für Familie, Hobbys und Glauben zu nehmen. Letzten Endes soll die Waage zwischen Arbeit und Freizeit gehalten werden, damit der Mensch auf weiterhin auf hohem Niveau arbeiten kann. Diesen Punkt, haben einige Arbeitgeber und viele Arbeitnehmer noch nicht verstanden.

Das Grundproblem liegt also nicht in der Arbeit, da sie auch schon am Anfang des 19. Jahrhundert, wenn auch auf eine andere Art und Weise anstrengend war, sondern am Menschen. Er ist immer abrufbereit und kann nicht auf das Handy verzichten. Dabei kann der Glaube helfen.

Aufgrund regelmäßiger Gebetszeiten und der dadurch entstehenden Struktur, sollte auch das Handy ausgeschaltet werden und somit ein neues Gefühl der Handy- und Laptopfreiheit entstehen. Dazu trägt auch die Stundengebets App bei, welche durch Push-up Benachrichtigungen anzeigt, wann es Zeit für das Gebet ist.

Alexander Radej

Verständnis von Fronleichnam?

An Fronleichnam war es wieder soweit: Gruppen von katholischen Christen trugen den Leib Christi in einer Prozession durch die Straßen. Viele Gläubige verstehen den Ritus nicht mehr als das was er ist: Die Präsenz Gottes.

Fronleichnam hat eine lange Tradition. Das Fest stammt aus dem Jahr 1246 aus Lüttich. Papst Urban IV. führte das Fest 1264 für die ganze Kirche ein. In Köln wurde die erste deutsche Fronleichnamsprozession im Jahr 1279 gefeiert. Das Fest spiegelt die Frömmigkeit des Mittelalters wieder, denn die Hostie wurde seit dieser Zeit besonders akzentuiert. Während der Liturgie wurde die Hostie emporgehoben, damit sie gesehen werden konnte. Christus wurde nicht nur durch Kommunionspendung zu sich genommen, sondern auch gesehen.

Eine wichtige Komponente spielt bei Fronleichnam die Prozession mit der Monstranz. Es handelt sich bei der Hostie um Christus selbst, der jedem geoffenbart wird. Somit wird das Heilige in Zeit und Raum gesetzt und es entsteht ein anderer Bezug zu Christus: Er ist Wirklichkeit geworden.

Historisches

Prozessionen sind schon früh in den Religionen und dem Herrscherkult zu finden. Beispielsweise wurde zum mesopotamischen akitu-Fest ein feierlicher Festzug gestaltet. Auch Jesus von Nazareth befand sich in der Tradition: Der Einzug nach Jerusalem ist eine Überlieferung, die die besondere Prozession des Messias darstellt. In der frühchristlichen Kirche wurden ebenfalls viele Züge durchgeführt: Neben Reliquien und Ikonen wurden auch die Täuflinge zum Baptisterium, zum Firmort, bis zum Kirchenraum geführt, um diese offiziell als Mitglieder der Kirche erkenntlich zu machen. Es war letztendlich der Siegeszug über die Sünde.

Jedoch ist die Prozession auch in politischen Kontexten zu sehen. Kaiser zogen nach ihrer Krönung oder Ernennung durch die Stadt. Besonders in der spätrömischen Zeit wurden Kaiser als Götter verehrt und zogen mit riesigen Festzügen durch die Straßen, sobald Sie gesiegt oder nur eine Stadt besucht hatten.

Fronleichnam steht in der Tradition

Bei Fronleichnam ist das nicht anders: Christus der Sieger und Heiland wird in Form einer Hostie durch die Straßen getragen. Durch seine Gegenwart wird auch die Gegend gesegnet. Schließlich bewegt sich das Heilige durch die Straßen. Jedoch verstehen wenige, dass es sich hierbei um die Realpräsenz Gottes handelt. Bei den Prozessionen der Herrscher war der Kaiser noch real als Person zu sehen. Ebenso war bei Reliquien der Heilige, der verehrt wurde, in seinen Überresten präsent. Die Ikonen sind Abbilder, stellen aber die verehrte Person dar. Die Form des Brotes ist jedoch sehr abstrakt. Wie passt Gott in ein Stück Brot oder warum kommt er nicht in einer majestätischen Form?

Das Mittelalter stand ganz in der aristotelischen Tradition. Die Gelehrten verstanden das Substanz (der Kern) und Akzidenz (die äußere Form) zwei unterschiedliche Wirklichkeiten waren. Das Äußere ist unwesentlich, entscheidend war die Substanz des Gegenstandes. Somit spielte es keine Rolle, dass es sich um Brot handelte. Wichtig war, dass die Substanz Christus war. Anzuzweifeln ist jedoch, ob die normalen Gläubigen diese Wirklichkeit verstanden, genau wie heute, da sie auch im Mittelalter sehr abstrakt war. Auch wenn das Äußere (das Brot) nicht majestätisch, sondern fast alltäglich war, bedeutete das nicht, dass die Prozession und der rituelle Gegenstand weniger wert waren. Es blieb beim Verständnis des Majestätischen durch die Substanz.

Und heute?

Heute sind Prozessionen ein Überbleibsel der Gelehrten. Viele verstehen und verstanden die alten Traditionen nicht, im Mittelalter und heute. Das liegt an der abstrakten Form des Ritus: Das Brot symbolisiert einen allmächtigen Gott. Menschen bewegen sich durch die Straßen mit Fahnen, Ikonen und Blasmusik. Es entsteht das Gefühl, nur die Kleriker wissen, was sie in den Händen halten: die Realpräsenz des Erlösers. Denn die Hostie ist nur noch abstrakt zu verstehen und verliert somit ihren Wert.

Also muss die Kirche versuchen dieses Fest plausibel zu machen. Religionslehrer, Theologen und Kleriker müssen es erklären. Es gilt das Unfassbare fassbar zu machen und das nicht nur in der Form der Hostie, sondern auch in den Erklärungen der Riten. Denn Riten sind komplexe Systeme, die sich durch die Zeit hinweg ergeben haben. Ohne Erklärung dieser bleiben sie inhaltlos und leer. Am Ende werden sie nur durchgeführt, weil sie existieren und sind nicht mit einer Intension verbunden.

Alexander Radej

Kann Kirche Politik?

Vor wenigen Wochen forderte der CDU Politiker Jens Spahn in zwei Zeitungen den Rückzug der Kirchen aus der Politik und eine Rückbesinnung auf „ihre Kernthemen“. Als diese bezeichnete er die Seelsorge, Glaubensvermittlung und das Karitative. Für seine Aussagen wurde er kritisiert, auch aus der eigenen Partei.
Ein anderes Bild zeigte der Kirchentag in Berlin: Spitzenpolitiker wie Angela Merkel oder Barack Obama suchten die Nähe der Kirchen und wollen sie in ihre Politik einbinden. Welche Aufgabe kommt bei dieser Einbindung den Kirchen zu und wie können sie diese erfüllen?

Das Verhältnis von Kirche und Politik

Seit der Erklärung des Christentums zur Staatsreligion unter Kaiser Theodosius im Jahr 380 war das Verhältnis der Kirche im weströmischen Reich und der vorherrschenden politischen Verhältnisse eng miteinander verzahnt. Das von Augustinus verfasste Werk „De civitate Dei“ galt als Vorbild für einen Staat und seine Politik. Nach Augustinus verlangt die politische Ordnung stets kirchliche Anleitung und Begrenzung. Die Aufgabe des Staats sei es äußeren Frieden zu schaffen und somit die Bedingungen für das Seelenheil aller Bürger zu wahren. Dieses theokratische Prinzip blieb in Europa lange Zeit gültig.

Widerstand regte sich insbesondere seit dem Zeitalter der Aufklärung, die begann diese Prinzipien zu hinterfragen und im Sinne der Pluralität an Religions- und Lebensansichten für eine Religions- und Meinungsfreiheit einzutreten.
Religion wurde Privatsache und nicht mehr Teil des herrschenden Regimes. In Deutschland gilt ab 1919 und dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung die Trennung zwischen Staat und Kirche. Die Rolle der Kirchen in der Politik hat sich seitdem massiv geändert.

Die Rolle der Kirchen in der Politik

Im heutigen demokratischen Rechts- und Staatswesen ist kein Platz mehr für die überkommenen Vorstellungen einer Theokratie. Die Regierenden werden nicht mehr von Gott legitimiert, sondern von den Bürgern gewählt, die in freier Entscheidung ihre Stimme abgeben dürfen. Durch die Trennung von Staat und Religion verloren die Kirchen ihre politische Macht. Sie mussten sich neue Felder suchen, um in der Politik mitzuwirken. Der hohe Respekt, den viele Politiker bis heute vor den humanen Leistungen der Kirche haben, verschafft ihnen das Gehör, um die Rolle desjenigen einzunehmen, der genau hinsieht, ob die Politik ihrem Auftrag nachkommt. Dieser besteht darin, die Interessen der Wähler und der im Land lebenden Menschen zu vertreten. Der Fokus der Kirchen liegt hierbei, ihrem Sendungsauftrag entsprechend, auf dem Wohl eines jeden einzelnen Menschen. Wird also das Wohl eines Menschen oder einer Menschengruppe durch die Politik zu wenig beachtet, so ist es die Aufgabe der Kirchen darauf hinzuweisen. Sie legen als Ankläger den Finger in die durch politische Entscheidungen entstandenen Wunden der Menschen. Eine Beschränkung der Kirchen auf Seelsorge, Glaubensvermittlung und das Karitative ist nicht sinnvoll. Die Kirchen würden in die Rolle desjenigen gedrängt werden, der versucht die akuten Probleme der Menschen zu lösen, aber nichts an ihren Wurzeln zu ändern vermag. Was aber ist sinnvoller: Beschwichtigung oder Lösung eines Problems?

Der Vorwurf Jens Spahns, den Kirchen fehle der Realitätsbezug, wenn es um die politischen Möglichkeiten gehe, ist in Teilen durchaus berechtigt. Natürlich kann die Politik nicht alle Forderungen umsetzen, die die Kirchen an sie stellen. Aber darum geht es gar nicht. Vielmehr wollen die Forderungen auf Missstände hinweisen und ein Streitgespräch eröffnen, das die Probleme der verschiedenen Menschengruppen in den Fokus der Politik rückt. Das Leid der Menschen soll nicht totgeschwiegen werden.
Papst Franziskus kann als Paradebeispiel dafür zählen, wie sich Kirche in die Politik einmischen sollte.

Franziskus als Mitspieler in der Weltpolitik

Unermüdlich prangert Franziskus die sozialen Missstände der Weltpolitik an. Berühmt geworden sind seine Aussagen über einen dritten Weltkrieg oder der Vergleich von Flüchtlingslagern mit Konzentrationslagern. Auch wenn Aussagen dieser Art, vor allem für deutsche Ohren, leicht übertrieben klingen, so schaffen sie doch eines: Sie schockieren, polarisieren und weisen auf den entsprechenden Missstand hin.
Besonders am Herzen liegen Franziskus bei seinen politischen Bemühungen die Bekämpfung der Armut und die Situation der Flüchtlinge. Als Ziel seiner ersten Reise wählte er Flüchtlingsunterkünfte in Lampedusa und bis heute hört er nicht auf, sein Ideal der „Kirche für die Armen“ zu vertreten. Dieses Ideal bedeutet für Franziskus nicht nur Seelsorge und karitative Leistungen, sondern zuallererst eine Beseitigung von Lebensumständen, die ein Leben mit Gott erschweren. Kurz gesagt kommt für Franziskus die Versorgung der Menschen mit Brot vor der Versorgung mit Glaube. Hierfür bemüht er die Politik und tut alles Menschenmögliche, um gehört zu werden.

Das Wechselspiel zwischen Kirche und Politik

Ja, die Kirchen sollten sich in die Politik einmischen. Ihre Aufgaben bestehen darin die Politiker auf soziale Probleme und Missstände hinzuweisen, und den Menschen der Gesellschaft Gehör zu verschaffen, die sonst nicht zu Wort kommen. Somit unterstützen sie die Politik bei ihren Entscheidungen indem sie Themen ansprechen, die sonst vergessen worden wären. Die Politik tut gut daran, die Kirchen in ihrer Rolle als Ankläger wahrzunehmen und anzuerkennen. In der Diskussion über brisante Themen werden die Probleme der Menschen wahrgenommen und ein Raum der Öffentlichkeit geschaffen, in dem jeder zu Wort kommen kann. Letztendlich liegt die Entscheidungsgewalt aber bei der Politik. Die Kirchen haben nur aufzeigende und beratende Funktion. Diese aber sollten sie wahrnehmen, um ihren Sendungsauftrag zu erfüllen.

Lukas Ansorge